Newsletter #27: Ab jetzt nur noch aufwärts?

Einen schönen Sonntag und sonnige Grüße aus Lissabon wünscht die Redaktion!

Willkommen zur siebenundzwanzigsten Ausgabe unseres Newsletters, liebe Leserinnen und Leser!

Die vergangene Woche hatte es in sich. Nicht wegen großer Überraschungen, sondern weil der Markt trotz aller bekannten Risiken einfach weiterläuft. Nach den US-Inflationsdaten und der Zinsentscheidung der FED am Mittwoch schoben sich sowohl der S&P 500 als auch der Nasdaq 100 auf neue Allzeithochs. Trotz ausbleibender Zinssenkung scheint der Markt die weiche Landung fest einzuplanen. Besonders die Tech-Werte ziehen weiter & aber auch die Umschichtungen unter der Oberfläche nehmen zu.

Wie stabil ist das Ganze wirklich? Und was erwartet uns in der neuen Woche? Steigen wir ein.

Wochenperformance

Die vergangene Woche war ein echtes Bullenfest und diesmal nicht nur im Techbereich. Was besonders auffällt – Neben den neuen ATH vom S&P 500 und der NASDAQ 100 sticht der Russell 2000 mit +3,40 % besonders heraus. Die Small Caps wurden also stark gekauft. Die Rally wird also breiter. Es sind nicht mehr nur die großen Techs, sondern auch klassische Industriewerte und Nebenwerte, die Auftrieb bekommen. Das spricht für eine gesunde Marktstruktur, zumindest kurzfristig.

5-Tages-Performance US-Indizes

CME FED-WATCH

Die Marktteilnehmer bleiben vorerst zurückhaltend: Für das nächste FOMC-Meeting am 30. Juli wird mit einer Wahrscheinlichkeit von über 95,3 % davon ausgegangen, dass die Zinsen nicht gesenkt werden. Nur rund 4,7 % rechnen aktuell mit einem ersten Schritt nach unten.

Trotz der zuletzt gesunkenen Inflationserwartungen und leicht nachgebender Anleiherenditen bleibt die Fed bei ihrer vorsichtigen Haltung. Die Hoffnung auf eine Zinssenkung im Sommer lebt, ist aber (noch) nicht in Stein gemeißelt.

FedWatch-Tool

TRUMP MISCHT SICH (WIEDER) EIN

Donald Trump hat sich mal wieder mit einem öffentlichen Kommentar zur Zinspolitik gemeldet. Er adressiert an Jerome Powell und seinen bisherigen Zinsentscheidungen. Auf einer Grafik der weltweiten Leitzinsen kritzelt er: „You are, as usual, too late“ und „You should lower the rate – by a lot“.

Sein Vorwurf: Die hohen Zinsen hätten die USA bereits Hunderte Milliarden gekostet. Der Zinssatz sollte seiner Meinung nach eher zwischen 0,25 % und 1,75 % liegen und nicht bei 4,5 % wie aktuell.

Ob das Druck auf die Fed ausübt? Wohl kaum. Aber es zeigt, wie politisch aufgeladen das Thema Zinsen bleibt.


SAISONALITÄT

Die Saisonalität zeigt aktuell ein klares Bild: Der Juni war historisch oft ein starker Monat. Das hat sich auch dieses Jahr wieder bestätigt. Wir sehen deutlich, wie der aktuelle Kursverlauf (rote Linie) sich sehr bullisch entwickelt hat und sogar deutlich über dem Durchschnitt der letzten 25 Jahre liegt.

Wenn sich das Muster der Vergangenheit fortsetzt, könnte der Markt noch etwas weiterlaufen, bevor wir in die schwächere Sommerphase übergehen. Typischerweise bis Ende Juli und Mitte August. Spannend wird’s also in den kommenden Wochen, ob wir das saisonale Hoch wie so oft im Juli sehen oder ob sich dieses Jahr weiter vom Schnitt abkoppelt. Wie immer gilt: Die Saisonalität ist für uns kein Einstiegskriterium, sondern eher ein Filter und eine zusätzliche Bestätigung.

S&P 500 Seasonality Chart

BULL-MARKET-VERGLEICH

Die Grafik zeigt eindrucksvoll: Der aktuelle Bullenmarkt (rot markiert) ist im historischen Vergleich noch relativ jung und hat bisher deutlich weniger Performance geliefert als viele seiner Vorgänger. Wenn man sich z. B. den Lauf von 2009 bis 2020 anschaut oder auch die Rally ab 1987, dann wird schnell klar, dass es rein statistisch noch viel Luft nach oben geben könnte.

Natürlich ist kein Marktverlauf identisch, aber solche Vergleiche helfen, den aktuellen Zyklus besser einzuordnen. Sie zeigen auch, warum man trotz Allzeithochs nicht zwangsläufig “zu spät” dran ist. Was auf kurzer Sicht stark aussieht, kann im großen Bild noch früh sein.


COT-DATEN

Diese Woche sehen wir ein spannendes Bild. Die Commercials haben ihre Netto-Long-Positionen auf den S&P500 deutlich ausgebaut und stehen nun bei +78.550 Kontrakten. Das ist ein recht klar bullisches Zeichen – vor allem weil es zeigt, dass sich die großen Marktteilnehmer weiter absichern, aber diesmal nicht mehr primär mit Shorts, sondern eher mit Long-Absicherung.

Die Large Speculators hingegen haben ihre Netto-Positionierung weiter reduziert und stehen nun bei -144.775, also stark im Short-Bereich. Das spricht dafür, dass institutionelle Trader eher vorsichtig bleiben bzw. auf eine Korrektur spekulieren.

Die Small Traders sind mit +66.225 netto long positioniert. Wie oft ein Kontraindikator, da Retail-Investoren gerne in überhitzte Bewegungen hinein Long gehen.

Die COT-Daten sind nicht direkt zum Handeln gedacht, sondern helfen dabei das Gesamtbild besser einzuordnen. In einem Bullenmarkt sichern sich die Commercials typischerweise mit Shorts ab. Aktuell jedoch sehen wir einen Wechsel ins Long-Lager, was mittelfristig eher als bullishe Bestätigung gewertet werden kann.

COT-Daten S&P500 Net positions

MARTAUSBLICK

Näheres zu den COT Daten, FED-Watchtool, Indizes und vielem mehr gerne im mittlerweile 14. MARKTAUSBLICK auf unserem YOUTUBE-Channel entnehmen.


VIX-VOLATILITÄT

Der VIX ist in den letzten fünf Handelstagen leicht angestiegen und notiert aktuell bei 17,48 Punkten – ein Plus von rund 7,4 %. Trotz der Steigung sind wir also laut VIX noch nicht in einem erhöhten Risikobereich.

Was bedeutet das konkret?

Der VIX bildet wie gewohnt die erwartete Schwankungsbreite des S&P 500 auf Sicht von zwölf Monaten ab. Ein Wert von 17,5 heißt, dass Anleger erwarten, dass der Markt eine Bewegung von ca. ±17,5 % einpreisen könnte. Ob das nach oben oder unten passiert, bleibt offen. Aber je höher der VIX, desto größer die Unsicherheit.

Der leichte Anstieg ist aktuell weniger geopolitisch getrieben, sondern hängt eher mit der Erwartungshaltung rund um die nächsten Inflationsdaten, Arbeitsmarktzahlen und natürlich der anstehenden Berichtssaison zusammen.

Solange wir unter 20 bleiben, ist die Grundstimmung aber weiterhin eher entspannt.

Vix-Index

FEAR & GREED INDEX

Der Fear & Greed Index ist diese Woche nochmal ordentlich angezogen. Wir stehen jetzt bei 78 Punkten und befinden uns damit offiziell im Bereich “Extreme Greed”.
Zum Vergleich: Vor einer Woche standen wir noch bei 63.

Anleger sind damit aktuell sehr risikofreudig, die Stimmung ist fast schon euphorisch. Und genau das ist ein Punkt, den man im Hinterkopf behalten sollte. Wenn Gier zu stark dominiert, kann es sein, dass eine gewisse Überhitzung eintritt. Das ganze wird früher oder später auch zu Korrekturen führen.

Es heißt nicht, dass man sofort raus gehen sollte. Es ist jedoch ein guter Reminder, nicht zu leichtsinnig zu werden.

Fear & Greed Index

CHART OF THE WEEK

Die Nachfrage nach humanoiden Robotern liegt aktuell bei gerade mal 5.000 Einheiten weltweit. Nächstes Jahr werden ca. 15.000 Stück geschätzt. Also eher Spielerei als Massenmarkt.

Wenn man jedoch der UBS-Prognose glaubt, soll der Markt ab 2030 regelrecht durchstarten:

2030: 156.000
2035: 1 Mio.
2040: 5,1 Mio.
2045: 18,1 Mio.
2050: 86 Mio. humanoide Roboter

Der Bereich ist heute noch fast irrelevant, aber das kann sich komplett drehen, sobald Technologien wie KI, Sensorik und Batterielösungen richtig skalieren und miteinander synergieren. Für Anleger bedeutet ist das ganze Thema kein kurzfristiges Setup, sondern eher ein langfristiger Bereich, den man im Blick behalten sollte. Wer heute gut aufgestellt ist, könnte morgen Marktführer sein.


Aktuelle Insider

Die Liste zeigt wie immer die neusten Insider Aktivitäten in den jeweiligen Unternehmen. Diese hier zeigt ein klares Bild: Bei Nvidia wurden Aktien im Wert von über 65 Mio. USD abgestoßen. Auch bei Roblox, Robinhood und Carvana sehen wir größere Insiderverkäufe im zweistelligen Millionenbereich.

Gleich mehrere Namen stammen aus dem Tech- bzw. KI-Sektor, darunter auch Crowdstrike, Micron Technology, Broadcom oder Datadog. Oft dürften das klassische Gewinnmitnahmen sein, nach der Rally der letzten Wochen nicht untypisch.

Auf der Käuferseite bleibt’s ruhiger, hier dominieren eher kleinere Titel. Für uns ein Zeichen, dass manche Insider bei den hochgelaufenen Kursen lieber mal den Deckel drauf machen, ein Warnsignal? Vielleicht. Zumindest eine Erinnerung daran, auch mal Luft rauszulassen.

Übersicht aktueller Insider-Käufe und -Verkäufe; Quelle: @WallStJesus

Hier noch eine weitere Ergänzung:

Top-20-Unternehmen nach Insiderkäufen und -verkäufen im Jahr 2025; Quelle: @WallStJesus

Das Muster ist eindeutig. Bei hochbewerteten, stark gelaufenen Techwerten wird weiter Kasse gemacht. Und zwar im großen Stil. Die Käuferseite? Deutlich unspektakulärer. Viele Käufe konzentrieren sich auf kleinere Unternehmen aus Nischen oder dem Biotech-Bereich.

Wir schauen uns heute auch die aktuelle Ratio der Insiderverkäufe zu -käufen an.
Diese liegt bei 42:1.

Alles unter 12:1 gilt als bullish
Alles über 20:1 als bearish

Mit dem aktuellen Wert von 42 sind wir klar im bearishen Bereich.
Die Mehrheit der Insider verkauft, bei gleichzeitig sehr wenig Käufen. Wenn das Verhältnis so einseitig kippt, kann es ein Frühindikator für eine überkaufte Marktsituation sein, vor allem bei heiß gelaufenen Wachstumswerten wie Tech & KI.

Wir behalten die Entwicklung im Blick. Aktuell deutet das eher auf Vorsicht statt Euphorie.


MACRO-DATEN und EVENTS

Die wichtigsten US-Daten kommende Woche:

Dienstag, 08.07

  • 🕝 6:30 Uhr – RBA Interest Rate Decision

Mittwoch, 09.07

  • 🕝 04:00 Uhr – RBNZ Interest Rate Decision
  • 🕝 16:30 Uhr – Crude Oil Inventories
  • 🕝 19:00 Uhr – 10-Year Note Auction
  • 🕝 20:00 Uhr – FOMC Meeting Minutes

Donnerstag, 10.07

  • 🕝 08:00 Uhr – German CPI (MoM)
  • 🕝 14:30 Uhr – Initial Jobless Claims
  • 🕝 19:00 Uhr – 30-Year Bond Auction

Freitag, 11.07

  • 🕝 08:00 Uhr – GDP (MoM) (GBP)

Diese Woche sind die anstehenden Makrodaten eher übersichtlich. Dennoch können die einzelnen, veröffentlichten Daten, erheblichen Einfluss haben wodurch es dementsprechend zu größeren Bewegungen kommen kann.


FED-SPEAKER

Hier habt ihr, wie gewohnt, die Übersicht der FED-Termine für die kommende Woche. In der kommenden Woche wird es vor allem am Mittwoch spannend: Um 20:00 Uhr deutscher Zeit erscheinen die FOMC Minutes, also das Protokoll der letzten FED-Sitzung. Hier interessiert vor allem, wie einheitlich (oder eben nicht) das Gremium beim Thema Zinssenkungen tickt. Solche Protokolle sorgen immer wieder für kurzfristige Bewegungen.

Am Donnerstag um 19:15 Uhr deutscher Zeit spricht FED-Gouverneur Christopher J. Waller. Waller gilt als einflussreich. Seine Worte können direkten Einfluss auf die Erwartungen der Märkte haben, vor allem in Bezug auf die kommende Zinssitzung.

FED-Events

EARNING SEASON

Auch diese Woche bleibt’s ruhig was die Berichtssaison angeht. Die Unternehmen, die ihre Zahlen vorlegen, sind vor allem kleinere Werte außerhalb des S&P 500. Namen wie Levi’s, WD-40 oder Delta Air Lines sind zwar bekannt, aber haben auf den Gesamtmarkt kaum Einfluss.


Damit sind wir für diese Woche durch. Die Märkte zeigen sich robust, trotz hoher Bewertungen und spürbarer Zurückhaltung bei Insidern. Der Fear & Greed Index kratzt an der Euphorie, während gleichzeitig auffällig viele Insider bei Big Tech Kasse machen. Das sind Signale, die man nicht ignorieren sollte.

Was viele übersehen: In solchen Phasen lohnt es sich, nicht überzureagieren. Beobachten, absichern, strategisch bleiben. Nicht jeder Ausbruch ist nachhaltig, nicht jede Korrektur eine Krise.

Wir wünschen euch allen eine erfolgreiche Handelswoche, stabile Nerven und eine Prise Gelassenheit.

Wir sehen uns nächsten Sonntag wieder, vielen Dank fürs Lesen und dabeibleiben,

Eure GREY CAPITAL-Redaktion