GREY BRIEFING #09: Rezessionswahrscheinlichkeit und Pensionsfonds gegen den Markt?!

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In dieser Woche bestimmten Konjunkturdaten und Handelsrisiken die Richtung an den US-Märkten. Robuste Wachstumszahlen (+3,8 % annualisiert) und solide Konsumindikatoren stützten das Bild einer widerstandsfähigen US-Wirtschaft. Gewinnmitnahmen im Tech- und KI-Sektor führten zu Druck auf die großen Indizes, während sich Anzeichen einer Sektorrotation in defensivere Werte abzeichneten. Politisch sorgten die von Präsident Trump angekündigten neuen Zölle auf Lkw, Möbel und Pharma für Unsicherheit, wurden vom Markt jedoch weitgehend ausgeblendet. An den Anleihemärkten stieg die Rendite der 10-jährigen Treasuries auf 4,18 %, während die Erwartung weiterer Zinssenkungen durch die Fed bestehen blieb.

Wie immer starten wir direkt rein in die…

Wochenperformance

Die US-Märkte schlossen die Woche gemischt ab. Während der Dow Jones mit einem leichten Plus von +0,08 % als einziger großer Index zulegen konnte, verzeichneten die übrigen Benchmarks Verluste. Der S&P 500 gab um –0,25 % nach, der technologiegetriebene Nasdaq 100 verlor –0,54 %, und der Russell 2000 als Small-Cap-Barometer rutschte mit –0,57 % am stärksten ab. Damit setzte sich eine eher verhaltene Marktstimmung durch, geprägt von Gewinnmitnahmen und erhöhter Unsicherheit.

5-Tages-Performance US-Indizes

CME FED-WATCH

Ein Blick auf das FedWatch Tool der CME zeigt, dass die Marktteilnehmer für die Sitzung am 29. Oktober 2025 überwiegend von einer weiteren Zinssenkung ausgehen. Mit einer Wahrscheinlichkeit von 87,7 % wird erwartet, dass die Fed den Leitzinskorridor von aktuell 4,00–4,25 % auf 3,75–4,00 % absenkt. Nur 12,3 % rechnen damit, dass die Spanne unverändert bleibt, während eine Zinserhöhung komplett ausgeschlossen wird. Damit preist der Markt die Fortsetzung des Lockerungszyklus nahezu ein, was die Erwartungen an eine anhaltende Unterstützung für Aktien und Anleihen untermauert.

FedWatch-Tool

SAISONALITÄT

Der S&P 500 liegt mit einem Year-to-Date Zuwachs von rund 15 % deutlich über den saisonalen Durchschnittswerten der letzten Jahre. Während die historischen Muster im September eher seitwärts bis schwächer verlaufen, behauptet sich der Markt in diesem Jahr klar oberhalb der vergangenen Durchschnitte. Von einer typischen Herbstschwäche ist bislang nichts zu sehen. Stattdessen sorgen Zinssenkungserwartungen und der anhaltende KI-Hype für zusätzlichen Rückenwind, der saisonale Muster überlagert.

Mit Blick auf den Oktober bleibt es spannend: Historisch kommt es hier häufiger zu Rücksetzern, bevor ab November die Jahres-Endrallye einsetzt. Sollte die FED Ende Oktober tatsächlich eine weitere Zinssenkung liefern, dürfte der Markt weiterhin über den historischen Durchschnittsniveaus bleiben und die Saisonalität einmal mehr in den Hintergrund rücken.

S&P 500 Seasonality Chart

Pensionsfonds

Die aktuellen Schätzungen zeigen, dass US-Pensionsfonds zum Monatsende rund 19 Milliarden US-Dollar an Aktien verkaufen dürften. Dieses Volumen liegt im 89. Perzentil aller Kauf- und Verkaufsprognosen der letzten drei Jahre und markiert damit einen der stärkeren Abflüsse seit Langem.

Auch im historischen Vergleich seit dem Jahr 2000 zählt diese Größenordnung zu den seltenen und extremen Bewegungen. Die Grafik verdeutlicht, dass Pensionsfonds ihre Rebalancing-Entscheidungen regelmäßig zu Monats- und Quartalsenden anpassen. Mit einem erwarteten Abfluss in dieser Größenordnung entsteht zusätzlicher Verkaufsdruck auf den US-Aktienmarkt, der gerade in Phasen erhöhter Unsicherheit die Marktstimmung deutlich belasten kann.

Monthly Equity Pension Estimate; Quelle: Goldman Sachs Global Investment Research

Rezessionswahrscheinlichkeit in der USA

Die Grafik zeigt die implizite Rezessionswahrscheinlichkeit für die USA, abgeleitet aus verschiedenen Kreditmarktindikatoren. Während die SPREADS von US-Investment-Grade-Anleihen gegenüber Staatsanleihen derzeit keinerlei Rezessionssignal aussenden und eine Wahrscheinlichkeit von 0 Prozent implizieren, ergibt sich aus den Spreads zu SWAPS eine Wahrscheinlichkeit von 12 Prozent. Die fünfjährigen CDS-Spreads deuten hingegen nur auf ein moderates Risiko von 5 Prozent hin.

Im historischen Kontext ist dies bemerkenswert niedrig. Normalerweise weiten sich Kreditspreads in Phasen erhöhter Rezessionsgefahr deutlich aus, da Investoren ein höheres Risiko für Zahlungsausfälle einpreisen. Dass die Märkte aktuell nur so geringe Wahrscheinlichkeiten anzeigen, spiegelt die robuste Verfassung der US-Wirtschaft wider, getrieben von einem stabilen Arbeitsmarkt und resilientem Konsum. Gleichzeitig verdeutlicht es, dass die Anleger derzeit auf eine weiche Landung („soft landing“) setzen und dem Fed-Zinssenkungszyklus zutrauen, die Konjunktur zu stabilisieren.

Die geringe Risikowahrnehmung kann allerdings auch eine gewisse Selbstgefälligkeit am Markt widerspiegeln. Sollten die Konjunkturdaten oder geopolitische Entwicklungen überraschend negativ ausfallen, könnten die Spreads schnell anspringen und die Rezessionswahrscheinlichkeiten deutlich nach oben treiben.


COT-DATEN

Die neuesten COT-Daten zeigen eine weitere Verschiebung im Kräfteverhältnis der Marktteilnehmer. Die Commercials haben ihre Netto-Long-Positionen nach zuletzt 134.000 nun auf rund 88.600 Kontrakte reduziert. Damit treten sie etwas weniger aggressiv auf der Long-Seite auf, bleiben aber weiterhin klar im bullischen Lager. Auf der Gegenseite haben die Large Speculators ihre Netto-Shorts von -225.000 auf etwa -172.500 Kontrakte abgebaut, ein Zeichen dafür, dass ein Teil der spekulativen Marktteilnehmer weniger stark auf eine Korrektur setzt. Die Small Traders haben ihre Netto-Long-Positionen leicht von 91.000 auf rund 83.900 Kontrakte verringert, bleiben aber ebenfalls auf der bullischen Seite.

Insgesamt ist damit eine leichte Entspannung in der extrem gespaltenen Marktaufstellung zu erkennen: Die Commercials halten ihre Long-Positionen, wenn auch auf reduziertem Niveau, während die großen Spekulanten ihre Short-Wetten zurückgefahren haben. Damit verringert sich die Schärfe der Konfrontation zwischen „Smart Money“ und Spekulanten etwas.

Bemerkenswert bleibt jedoch, dass die Commercials und die Small Traders weiterhin auf derselben Seite des Marktes stehen. Dieses Bild ist historisch selten und deutet darauf hin, dass die Erwartung steigender Kurse von zwei sehr unterschiedlichen Gruppen getragen wird. Gleichzeitig zeigt der Rückgang der Short-Positionen bei den Large Speculators, dass die Überzeugung für eine baldige Korrektur etwas nachgelassen hat.

Die Daten sprechen somit weiterhin für eine bullische Grundtendenz, wenn auch mit weniger Extremen als noch in der Vorwoche. Entscheidend wird sein, ob die Commercials ihre Long-Positionen stabil halten und ob die Spekulanten ihre Short-Wetten weiter zurückfahren – das könnte die Marktstimmung in den kommenden Wochen nachhaltig beeinflussen.

COT-Daten S&P500 Net positions

MARTAUSBLICK

Näheres zu den COT Daten, FED-Watchtool, Indizes und vielem mehr gerne im mittlerweile 15. MARKTAUSBLICK auf unserem YOUTUBE-Channel entnehmen.


VIX-VOLATILITÄT

Der VIX notiert aktuell bei 15,29 Punkten und liegt damit rund 4,7 % niedriger als in der Vorwoche. Im Wochenverlauf kam es zunächst zu einem Anstieg bis knapp über 17 Punkte, bevor der Index in den letzten Handelstagen deutlich zurückfiel. Ausschlaggebend waren vor allem die schwankenden Zinserwartungen rund um die Fed-Politik, die zwischenzeitlich für mehr Nervosität sorgten, bevor die Märkte wieder in den „Greed-Modus“ zurückschalteten.

Bemerkenswert ist, dass in dieser Woche sowohl der S&P 500 als auch der VIX negativ abschlossen, ein ungewöhnliches Bild, da die beiden Indikatoren in der Regel gegenläufig verlaufen. Dieses gleichzeitige Zurückfallen deutet darauf hin, dass Investoren zwar Gewinne im Aktienmarkt mitnahmen, gleichzeitig aber keinen akuten Absicherungsbedarf über Volatilitätsinstrumente sahen. Mit anderen Worten: Der Rückgang im S&P war weniger von Angst getrieben, sondern eher Ausdruck technischer Korrekturen und Sektorrotation.

Damit bleibt der VIX weiterhin in einem sehr niedrigen Bereich, nahe seiner 52-Wochen-Tiefs. Die niedrige Volatilität signalisiert Ruhe und Stabilität, macht die Märkte aber auch anfällig für plötzliche Ausschläge. Sollten in den kommenden Wochen Arbeitsmarktdaten, Inflationsüberraschungen oder geopolitische Ereignisse für neue Unsicherheit sorgen, könnte der VIX schnell wieder über die Marke von 17 Punkten steigen.

Vix-Index

FEAR & GREED INDEX

Der Fear & Greed Index steht aktuell bei 53 Punkten und bewegt sich damit im neutralen Bereich. Gegenüber der Vorwoche (62 Punkte, „Greed“) bedeutet das eine spürbare Eintrübung der Marktstimmung. Im Vergleich zum Vormonat (60) und auch zum Vorjahr (70) zeigt sich, dass die Risikofreude zuletzt nachgelassen hat.

Die Anleger agieren damit deutlich vorsichtiger als noch vor wenigen Wochen. Während zuvor klarer Risikoappetit zu erkennen war, dominiert nun Zurückhaltung, was auch mit der jüngsten Volatilität im Markt und den anhaltenden Unsicherheiten rund um Zinsen und Konjunktur zusammenhängt.

Solange sich der Index im neutralen Bereich hält, bleibt der Markt in einer Art „Abwartehaltung“. Erst ein erneuter Sprung in Richtung „Greed“ würde wieder auf eine Rückkehr zu mehr Risikofreude hindeuten.

Fear & Greed Index

MACRO-DATEN und EVENTS

Die wichtigsten US-Daten kommende Woche:

Dienstag, 30. September

🕞 08:00 Uhr – GDP (YoY) (QoQ)
→ Wachstumszahlen zur britischen Wirtschaft (Erwartung: 1,2 % YoY / 0,3 % QoQ).

🕓 14:00 Uhr – German CPI (MoM)
→ Inflationsindikator für Deutschland.

🕓 15:45 Uhr – Chicago PMI (Sep)
→ Regionale Industrieaktivität (Erwartung: 41,5).

🕓 16:00 Uhr – CB Consumer Confidence
→ Konsumklima, wichtiger Frühindikator für den US-Konsum.

🕕 16:00 Uhr – JOLTS Job Openings (Aug)
→ Offene Stellen, Maß für die Stärke des Arbeitsmarktes.

Mittwoch, 01. Oktober

🕓 11:00 Uhr – CPI (YoY)
→ Inflationsrate der Eurozone (Erwartung: 2,3 %).

🕠 14:15 Uhr – DP Nonfarm Employment Change (Sep)
→ Vorab-Indikator für die US-Arbeitsmarktdaten.

🕙 15:45 Uhr – Manufacturing PMI (Sep)
→ Frühindikator für die Industrie (Erwartung: 52,0).

🕙 16:00 Uhr – ISM Manufacturing PMI & Preise (Sep)
→ Zentrale Daten zur US-Industrie und Preisdruck.

🕙16:30 Uhr – Crude Oil Inventories
→ Indikator für Angebot/Nachfrage am Ölmarkt.

Donnerstag, 02. Oktober

🕔 14:30 Uhr – Initial Jobless Claims
→ Wöchentliche Erstanträge auf Arbeitslosenhilfe (Erwartung: 218k).

Freitag, 03. Oktober

🕓 14:30 Uhr – Average Hourly Earnings (MoM (Sep)
→ Durchschnittlicher Stundenlohn

🕙 14:30 Uhr – Nonfarm Payrolls (Sep)
→ Endgeldabrechnungen (ohne Landwirtschaft)

🕙 14:30 Uhr – Unemployment Rate (Sep)
→ Arbeitslosenquote

🕙 15:45 Uhr – Services PMI (Sep)
→ Stimmungsindikator für den Dienstleistungssektor.

🕙 16:00 Uhr – ISM Non-Manufacturing PMI & Preise (Sep)
→ Wichtige Daten für die Dienstleistungsbranche, starker Marktimpuls möglich.


FED-SPEAKER & EVENTS

In dieser Woche stehen zwei Reden von Vice Chair Philip N. Jefferson im Mittelpunkt.

  • Dienstag, 30. September, 06:00 Uhr – Rede von Jefferson mit potenziellen Hinweisen zur Geldpolitik und Konjunktur.

  • Freitag, 3. Oktober, 13:40 Uhr – Jefferson spricht erneut; die Märkte achten hier besonders auf Einschätzungen zu Zinsen und Inflation.

Diese beiden Auftritte haben das größte Marktpotenzial und sollten von Investoren genau verfolgt werden.

FED-Events

EARNING SEASON

In dieser Woche stehen die Quartalszahlen klar im Zeichen der Konsum- und Finanzwerte. Zwischen Makrodaten und Zinsspekulationen könnten einige Unternehmensberichte trotzdem Akzente setzen.

Am Dienstag legt Nike Zahlen vor, ein Schlüsselwert für die Konsumstimmung in den USA und international. Besonders spannend wird sein, wie sich die Nachfrage nach Sportartikeln in einem Umfeld hoher Zinsen und zurückhaltender Konsumenten entwickelt. Enttäuschungen könnten die gesamte Branche (Adidas, Puma, Lululemon) belasten.

Ebenfalls am Dienstag berichtet Paychex, ein wichtiger Indikator für den US-Arbeitsmarkt. Da das Unternehmen stark mit Gehaltsabrechnungen und HR-Dienstleistungen verknüpft ist, geben die Zahlen Aufschluss über Beschäftigungsdynamik und Mittelstandsvertrauen.

Mit Carnival folgt ein weiterer interessanter Konsumwert. Der Kreuzfahrtanbieter ist ein guter Gradmesser für die Reiselust und den Zustand des Freizeitmarktes. Steigende Buchungszahlen wären ein positives Signal für den Dienstleistungssektor insgesamt.

Am Mittwoch stehen die Finanzwerte im Fokus. Capitec und Jefferies geben Einblick in Kreditnachfrage, Handelsaktivitäten und die Lage im globalen Banken- und Finanzumfeld. Gerade Jefferies ist als Investmentbank wichtig, um die Stimmung im Kapitalmarktgeschäft zu erfassen.

Am Donnerstag rundet Tesco die Berichtswoche ab. Der größte britische Einzelhändler liefert wertvolle Hinweise auf das Konsumverhalten in Europa und die Preisdynamik im Lebensmittelhandel, Themen, die auch Investoren in den USA und Asien aufmerksam verfolgen.


Zum Abschluss bleibt festzuhalten: Die Märkte blicken in dieser Woche nicht nur auf die makroökonomischen Daten, sondern auch auf die Reden von Fed-Vize Philip Jefferson am Dienstag und Freitag, beide mit hohem Marktpotenzial. Gleichzeitig signalisieren die COT-Daten eine weiterhin bullische Tendenz, während der Fear & Greed Index ins neutrale Terrain zurückgefallen ist. Mit den anstehenden US-Arbeitsmarktdaten am Freitag dürfte die Richtung für die kommenden Wochen maßgeblich bestimmt werden.

Wir sehen uns nächste Woche wieder im GREY BRIEFING.

Bis dahin, bleibt fokussiert und handelt mit Plan!

Eure GREY CAPITAL-Redaktion