GREY BRIEFING #08: Optionsverfall & Zinssenkung: Wall Street auf Rekordkurs
Willkommen zurück, liebe Leserinnen und Leser, zum achten GREY BRIEFING!
In dieser Woche stand alles im Zeichen der Zinssenkung der FED. Am Mittwoch wurde der Leitzinskorridor um 25 Basispunkte auf 4,00–4,25 % gesenkt, der erste Schritt in einem neuen Lockerungszyklus. Neben der Zinsentscheidung gab es neue All-Time-Highs der Indizes und flankiert wurde das Ganze vom weiter anhaltenden KI-Hype. Nvidia, Intel und Workday sorgten mit Investitionen und Übernahmen für Schlagzeilen. Die Stimmung kippte wieder Richtung „Greed“, während die Volatilität leicht nach oben zog.
Wie immer starten wir direkt rein in die…
Wochenperformance
In der vergangenen Woche konnten alle großen US-Indizes zulegen und zum Teil sogar neue Rekorde markieren. Der Russell 2000 legte mit +1,65 % am stärksten zu und erreichte damit seinen ersten Schlussrekord seit November 2021. Der Nasdaq kam auf +1,53 % und markierte ebenso wie der S&P 500 (+0,73 %) und der Dow Jones (+0,92 %) neue All-Time-Highs. Der entscheidende Schub kam mit der Zinssenkung der Fed. In den Charts sehen wir deutlich, wie alle Indizes ab diesem Zeitpunkt nach oben gezogen sind. Vor allem kleinere, zinssensitive Werte sprangen an, was den Russell 2000 an die Spitze brachte. Der Nasdaq profitierte zusätzlich vom anhaltenden KI-Hype. Nvidia sorgte mit der Beteiligung an Intel für Schlagzeilen, dazu kamen Übernahmen wie die von Workday im KI-Bereich.

CME FED-WATCH
Spannend ist auch ein Blick auf das FedWatch Tool der CME. Dort wird nach der jüngsten Zinssenkung bereits mit einer Wahrscheinlichkeit von 91,9 % davon ausgegangen, dass die Fed am 29. Oktober direkt den nächsten Schritt macht und die Zinsen erneut senkt. Nur 8,1 % der Marktteilnehmer rechnen damit, dass die Spanne von aktuell 4,00–4,25 % unverändert bleibt.
Der Markt preist die Lockerungspolitik der Fed schon fast als sichere Sache ein, was ein zusätzlicher Treiber für die Rally der letzten Tage sein dürfte.

SAISONALITÄT
Aktuell liegt der S&P 500 mit einem Year-to-Date-Plus von rund 15 % deutlich über den saisonalen Durchschnitten der letzten 5, 10 und 15 Jahre. Während die Durchschnittsreihen im September meist eher seitwärts bis leicht schwächer tendieren, hält sich der Markt in diesem Jahr klar oberhalb der historischen Muster.
Eine klassische Herbstkorrektur ist bislang nicht eingetreten. Stattdessen wirkt die Kombination aus Zinssenkungen und KI-Fantasie wie ein zusätzlicher Treiber, der die saisonal üblichen Schwächen überlagert.
Spannend wird der Oktober. Historisch gesehen kommt es hier häufiger zu Rücksetzern, bevor ab November wieder ein starker Jahresendtrend einsetzt. Sollte die FED Ende Oktober tatsächlich die nächste Zinssenkung liefern, könnte der Markt weiter über den Durchschnittspfaden bleiben, die Saisonalität rückt wie bekanntlich dieses Jahr eher in den Hintergrund.

US MARGIN DEBT
Neben der Saisonalität möchten wir einen Blick auf die Margin Debt in den USA werfen, die uns zeigt, wie aggressiv die aktuelle Rally auf Kredit gespielt wird. Im August ist das ausstehende Margin Debt um satte 37 Milliarden Dollar gestiegen. Ein neues Rekordhoch von 1,06 Billionen Dollar. Allein in den letzten drei Monaten summiert sich der Anstieg auf 139 Milliarden.
Hohe Margin-Nutzung treibt zwar die Kurse kurzfristig weiter nach oben, macht den Markt aber gleichzeitig extrem anfällig für Rücksetzer. Wenn es zu Korrekturen kommt, müssen gehebelte Positionen oft schnell aufgelöst werden und genau das beschleunigt Abwärtsbewegungen.
In Kombination mit den frischen All-Time-Highs bei den Indizes wirkt das Bild zweischneidig. Auf der einen Seite stützt das zusätzliche Kapital die Rally, auf der anderen Seite steigt das Risiko für abrupte Bewegungen, sobald der Markt ins Wanken gerät.

RECCESSION RISK
Ein Blick auf die Rezessionswahrscheinlichkeit zeigt ein Bild, das man nicht ignorieren sollte. Laut Moody’s Analytics liegt die Wahrscheinlichkeit für eine US-Rezession in den kommenden 12 Monaten aktuell bei 48 %. Das ist knapp unter der kritischen 50 %-Schwelle und historisch betrachtet hat dieser Bereich schon oft ausgereicht, um tatsächlich in eine Rezession zu rutschen.
Die Grafik zeigt auch, wie selten das Modell in den letzten Jahrzehnten so hoch ausgeschlagen hat, ohne dass es anschließend zu einer konjunkturellen Abkühlung gekommen ist.Wir bewegen uns also wieder in einer Zone, in der das Risiko spürbar hoch ist.
Natürlich heißt das nicht, dass eine Rezession sicher kommt, aber es unterstreicht, wie fragil die Lage trotz Rally und Rekordständen an den Märkten bleibt. Zinssenkungen der Fed geben zwar Rückenwind, ändern aber nichts daran, dass der Arbeitsmarkt an Schwäche verliert und die Risiken für die US-Wirtschaft insgesamt gestiegen sind.

COT-DATEN
Die neuen COT-Daten zeigen eine klare Verschiebung. Die Commercials haben ihre Netto-Long-Positionen weiter ausgebaut und auf nun rund 134.000 Kontrakten auf der LONG-Seite. Damit sind sie deutlich aggressiver als noch vor einer Woche positioniert und wollen von einer anhaltenden Rallye in die Zinssenkung hinein profitieren. Auf der Gegenseite bleiben die Large Speculators mit etwa -225.000 Netto-Short-Kontrakten klar auf fallende Kurse positioniert. Die Small Traders halten aktuell rund 91.000 Netto-Long-Kontrakte und bleiben damit ebenfalls bullisch.
Die Marktaufteilung ist damit weiter gespalten. Die großen Spekulanten bleiben weiter Short und setzen auf eine Korrektur, während sich sowohl die Commercials als auch die Kleinanleger auf steigende Kurse einstellen. Das sorgt für eine deutliche Konfrontation zwischen „Smart Money“ und Spekulanten.
Interessant ist vor allem, dass die Commercials ihr Engagement auf der Long-Seite verstärkt haben. Das spricht dafür, dass sie die Rally noch nicht als ausgereizt sehen und Flexibilität durch Futures nutzen, um mögliche Rücksetzer abzusichern. Die Small Traders liegen damit einmal mehr auf derselben Seite wie die Commercials, was in der Vergangenheit eher selten der Fall war.
Die Daten deuten also auf eine Fortsetzung der bullischen Tendenz hin, solange die Commercials ihre Long-Positionen halten. Die Gegenposition der Large Speculators zeigt aber auch, dass das Lager derer, die auf eine Korrektur wetten, wächst, was die Spannung für die nächsten Wochen zusätzlich erhöht.

OPtIONSVERFALLSTAG
Gestern war es wieder soweit. Quadruple Witching, also der große Verfallstag, an dem gleich vier Derivate-Arten gleichzeitig auslaufen (Index-Futures, Index-Optionen, Aktien-Optionen und Single-Stock-Futures). Solche Tage gibt es nur viermal im Jahr, und sie sind jedes Mal ein Ereignis für die Märkte.
Warum? Weil genau dann enormes Handelsvolumen zusammenkommt. Viele große Adressen müssen ihre Absicherungen rollen oder bestehende Positionen schließen. Das führt vor allem in der letzten Handelsstunde oft zu spürbarer Volatilität. Kurse neigen dazu, sich in Richtung von Strike-Levels zu bewegen, an denen viele Optionen offenstehen, man spricht hier vom sogenannten „Pin Risk“.
Für den Markt hieß es damit am Freitag: erhöhtes Volumen, abrupte Bewegungen rund um die Indizes und einzelne große Titel. Nicht jeder Ausschlag war fundamental getrieben, vieles war schlicht technische Marktmechanik durch den Verfall.
MARTAUSBLICK
Näheres zu den COT Daten, FED-Watchtool, Indizes und vielem mehr gerne im mittlerweile 15. MARKTAUSBLICK auf unserem YOUTUBE-Channel entnehmen.
VIX-VOLATILITÄT
Der VIX notiert aktuell bei 15,45 Punkten und liegt damit rund 3,4 % höher als in der Vorwoche. Im Wochenverlauf kam es zu einem Anstieg bis in den Bereich von 16,6 Punkten, bevor der Index wieder leicht zurückgefallen ist. Auslöser waren zwischenzeitlich stärkere Schwankungen im Markt, die mit der Fed-Sitzung und den Zinserwartungen zusammenhingen.
Damit bewegt sich der VIX weiterhin auf einem niedrigen Niveau, allerdings etwas über den Tiefstständen der letzten Wochen. Das signalisiert zwar nach wie vor Ruhe und Stabilität am Markt, zeigt aber auch, dass Investoren sensibel auf neue Impulse reagieren. Gerade im Umfeld der Zinssenkungen bleibt die Lage fragil. Ein unerwarteter Belastungsfaktor wie Arbeitsmarktdaten, Inflationsüberraschungen oder geopolitische Risiken könnte den VIX jederzeit wieder über 17 Punkte treiben (wenn der Markt rational agiert).

FEAR & GREED INDEX
Der Fear & Greed Index steht aktuell bei 62 Punkten und hat sich damit (wieder) klar in den „Greed“-Bereich geschoben. Gegenüber der Vorwoche (54 Punkte, neutral) bedeutet das eine deutliche Stimmungsaufhellung. Im Vergleich zum Vormonat (59) oder zum Vorjahr (63) liegt der Wert damit auf einem ähnlichen Niveau.
Die Marktteilnehmer agieren wieder risikofreudiger. Während die Rally zuletzt noch recht „emotionslos“ wirkte, schaltet die Stimmung nun langsam in den Gier-Modus. Das sieht man auch an an den unaufhaltbaren Indizes.
Solange die Werte nicht in den Bereich „Extreme Greed“ ausschlagen, bleibt weiterhin noch etwas Luft nach oben.

MACRO-DATEN und EVENTS
Die wichtigsten US-Daten kommende Woche:
Montag, 22. September
🕞 15:45 Uhr – Fed‑Rede von John Williams
🕓 16:00 Uhr – Fed‑Rede von Alejandro Musalem
🕕 18:00 Uhr – Fed‑Reden von Thomas Barkin, Patrick Hammack und Alica Miran
Dienstag, 23. September
🕓 15:45 Uhr – S&P Global PMI Flash
→ Wichtigster Frühindikator für die Konjunktur im September.
🕠 18:35 Uhr – Rede von Fed‑Chef Jerome Powell
→ Haupt‑Event des Tages. Märkte achten auf Hinweise zur Inflationsbekämpfung und zu künftigen Zinsschritten.
🕙 22:30 Uhr – API Crude Oil Stock Change (Woche)
→ Erster Hinweis auf US‑Ölvorräte; beeinflusst häufig den Ölpreis und Energiewerte.
Mittwoch, 24. September
🕔 16:30 Uhr – EIA Crude Oil Inventories
→ Der offizielle US‑Lagerbericht für Rohöl und Produkte. Unerwartete Bestandsänderungen bewegen die Öl‑ und Energiemärkte.
🕔 22:10 Uhr – Fed Daly Speech
→ Der offizielle US‑Lagerbericht für Rohöl und Produkte. Unerwartete Bestandsänderungen bewegen die Öl‑ und Energiemärkte.
Donnerstag, 25. September
🕓 14:30 Uhr – US‑Makrodatenpaket (Durable Goods, BIP‑Finale, Handel & Arbeitsmarkt)
→ Gleich mehrere Schlüsselkennzahlen werden zeitgleich veröffentlicht:
Durable Goods Orders – Investitionsbereitschaft der Unternehmen.
GDP Growth Rate Q2 (final) & GDP Price Index– letzte Schätzung des Q2‑Wachstums.
Initial Jobless Claims und Continuing Claims – aktueller Blick auf den Arbeitsmarkt.
Goods Trade Balance sowie Frühindikatoren zu Retail‑ und Wholesale‑Inventories.
🕒 15:00 Uhr – Rede von Fed‑Vize John Williams
→ Beobachter achten auf mögliche Signale zu zukünftigen Zinsanpassungen.
🕟 16:30 Uhr – EIA Natural Gas Storage (Woche)
→ Relevant für Gaspreise und den Energiesektor.
Freitag, 26. September
🕓 14:30 Uhr – PCE Price Index
→ Kern‑Termin der Woche
🕓 16:00 Uhr – University of Michigan Consumer Sentiment Final
→ Enthält auch die wichtigen Inflationserwartungen der Verbraucher. Eine starke Abweichung kann die Inflationserwartungen der Märkte beeinflussen.
FED-SPEAKER & EVENTS
In Grunde sind folgende 2 Tage die wichtigsten und sollten unbedingt beachtet werden.
Dienstag, 23. September
🕘 15:00 Uhr – Rede von Vice Chair Michelle Bowman
→ Einschätzungen zu Bankenaufsicht, Kreditvergabe und Regulierung.
🕦 18:35 Uhr – Rede von Fed-Chair Jerome Powell
→ Wichtigster Termin der Woche bezüglich Fed-Speaker. Kommentare zur Zins- und Geldpolitik haben unmittelbares Marktpotenzial.
Donnerstag, 25. September
🕙 16:00 Uhr – Diskussion mit Vice Chair Michelle Bowman
→ Fokus auf Kreditmärkte und Regulierung, möglich auch Einschätzungen zur Konjunktur.
🕐 19:00 Uhr – Rede von Governor Michael Barr
→ Themen rund um Finanzstabilität und Banken.

EARNING SEASON
In dieser Woche stehen die Quartalszahlen eher im Schatten der großen Makrothemen. Trotzdem gibt es ein paar Berichte, die für Bewegung sorgen könnten.
Am Dienstag berichtet Micron und das ist für den ganzen Halbleiter- und KI-Sektor spannend. Speicherchips sind eng mit der Nachfrage nach GPUs und Rechenzentren verknüpft. Schwache Zahlen oder ein vorsichtiger Ausblick könnten also auf die großen Player (Nvidia, AMD und Co.) durchschlagen.
Am Donnerstag folgen Accenture und Jabil. Accenture gibt Einblicke in den globalen IT- und Beratungsmarkt und zeigt, wie stark Unternehmen aktuell in Digitalisierung und KI investieren. Jabil ist wiederum als Apple-Zulieferer interessant, weil man hier ablesen kann, wie sich die Hardware-Nachfrage entwickelt.
Zum Wochenschluss kommt am Freitag Costco. Der Discounter zeigt direkt, wie es um den US-Konsumenten steht. Wenn hier überraschend schwache Zahlen kommen, wäre das ein Warnsignal für die Kaufkraft in den USA, umgekehrt können starke Zahlen die Rally im Konsumsektor weiter stützen.

Damit sind wir auch für diese Woche am Ende des GREY BRIEFING angekommen. Die Märkte haben mit der Zinssenkung der FED ein starkes Signal erhalten, neue All-Time-Highs quer über S&P, Nasdaq, Dow und sogar beim Russell 2000 sprechen eine klare Sprache. Die FED-Watch beflügelt die nächste Zinssenkung. Gleichzeitig zieht das Sentiment spürbar in Richtung „Greed“ und die Volatilität steigt leicht an.
Wir haben uns wie immer die wichtigsten Makrodaten, die Stimmung, die Positionierung der Marktteilnehmer sowie saisonale Muster angeschaut. Die kommenden Wochen dürften daher spannend bleiben. Gerade weil die Rally immer stärker von Zinshoffnungen getragen wird. Wer diszipliniert bleibt und die Datenlage eng verfolgt, kann auch in dieser Phase Chancen nutzen, ohne ins offene Risiko zu laufen.
Wir sehen uns nächste Woche wieder im GREY BRIEFING.
Bis dahin – bleibt fokussiert und handelt mit Plan!
Eure GREY CAPITAL-Redaktion
